Anselm Lipgens inszeniert „Schicksal mit Musik“ in Kottingbrunn

Regisseur Anselm Lipgens

Nach Publikumserfolgen wie dem „Bockerer“, den „Drei Musketieren“ und dem „Jedermann“ hat man sich in der Kottingbrunner Kulturwerkstatt in diesem Jahr für die Septemberproduktion quasi für das Gegenteil entschieden: „Schicksal mit Musik“ ist ein Stück, das völlig in Vergessenheit geraten ist. Zu Unrecht, da sind sich die Künstler einig.

Das Wichtigste vorweg: Wenn Sie sich eigentlich für belesen und kulturinteressiert halten, aber von diesem Stück trotzdem noch nichts gehört haben, müssen Sie sich keine Sorgen machen – Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Auch Anselm Lipgens, der „Schicksal mit Musik“ unter dem leicht adaptierten Titel „Schicksal, aber mit Musik“ im September in der Kottingbrunner Kulturszene inszeniert, hat es vorher nicht gekannt. Das Stück stammt von keinem Geringeren als Karl Farkas, die Musik von Robert Stolz – doch dieses Bühnenwerk reichte in Sachen Bekanntheit nicht einmal im Ansatz an Farkas‘ Doppelconferencen oder Stolz‘ Operettenwerke heran. Doch warum eigentlich nicht? „Wenn ich sage, ich inszeniere gerade ein Stück, für das Robert Stolz die Musik geschrieben hat, kommt sofort: War das nicht dieser Operettenfuzzi?“, meint Anselm Lipgens, der selbst durch einen Zufall auf dieses in Vergessenheit geratene Stück gestoßen ist und mehr und mehr davon fasziniert war, je mehr er sich damit beschäftigt hat. „Es gibt viele Spekulationen darüber, warum das Werk in der Versenkung verschwunden ist. Vielleicht hat es thematisch einfach nicht in die unmittelbare Nachkriegszeit gepasst.“
1946 wurde „Schicksal mit Musik“ fünf Mal in Wien aufgeführt – und seither in Österreich gar nicht mehr. Dabei liest sich die Entstehungsgeschichte so spannend, wie sie nur das Leben schreiben kann: Karl Farkas und Robert Stolz lernten einander zur Zeit des Zweiten Weltkriegs im Exil in den USA kennen und kamen mit dem Broadway in Berührung – und schmiedeten voller Begeisterung den Plan, diese Kunstgattung, die Verbindung von Theater, Musik und Tanz, nach Wien zu bringen. Unmittelbar nach Kriegsende wollten die beiden ihr Vorhaben umsetzen, erhielten aber denkbar wenig Unterstützung von der damaligen Stadtregierung. Im Apollo-Theater durften die beiden zwei Mal pro Woche proben, ohne Heizung, und das im Herbst und Winter. Trotz widriger Umstände setzten die beiden ihren Plan in die Tat um, scheiterten aber letzten Endes am ausbleibenden Publikum.
Ein junger Schriftsteller sucht seit sieben Jahren vergeblich seine Frau und will sich aus purer Verzweiflung das Leben nehmen. Das Stück handelt von den Zufällen und Begegnungen in einer einzigen Nacht, die den jungen Mann daran hindern, sich umzubringen – so der Inhalt, der das Wiener Publikum so wenig begeistern konnte. Warum aber auch danach niemand auf die Idee gekommen ist, das Stück wieder aus der Versenkung zu holen, ist Anselm Lipgens ein Rätsel. „Es ist ein witziges, sehr professionelles Stück, das gerade jetzt wieder sehr viele Bezüge zu aktuellen Geschehnissen hat“, meint der Regisseur. „Menschen, die einander während der Kriegswirren und der Flucht aus den Augen verlieren, aktueller könnte ein Stück kaum sein.“
Genaueres zum Inhalt möchte Lipgens nicht verraten – quasi ganz nach Karl Farkas: „Schau‘n Sie sich das an!“ Nur so viel: „Es gibt viele Überraschungen und spannende Figuren, und natürlich darf auch der politische Biss nicht fehlen, wie sich das für Karl Farkas gehört“, meint Lipgens. „Conchita wird singen. Die hat aber schon bei Farkas so geheißen und ist kein moderner Regieeinfall. Der Kellner wird granteln, Tanzbeine werden schwingen, der Pianist haut in die Tasten, der Teufelsgeiger fiedelt, Intrigen werden gesponnen, Schuhe werden drücken, Diebe stehen am Rand eines Nervenzusammenbruchs – es ist eben gar nicht so leicht, sein Leben zu verlieren, während alle versuchen, das ihre wiederzugewinnen…“
Gespielt wird von 4. bis 27. September in der Kulturwerkstatt Kottingbrunn. Die wurde für „Schicksal, aber mit Musik“ übrigens sogar mit einer Drehbühne ausgestattet – und zwar ohne Subvention. „Das geht nur, weil die netten Leute vom Verein sich seit einem Jahr Gedanken machen, wie sie mir den Wunsch nach einer Drehbühne erfüllen“, streut Lipgens dem Team der Kulturszene Kottingbrunn Rosen. Auch heuer wieder wird bei der Septemberproduktion auf ein Miteinander von Profi- und Amateurschauspielern gesetzt, und natürlich auch auf die Musik, die für die Aufführung heruntergebrochen wurde. Keine Musicalshow, sondern ein Stück mit Musik will man machen – mit Klavier und Violine, sonst nichts. In den Hauptrollen sind Franziska Hetzel und Martin Bermoser zu sehen und zu hören, nicht fehlen dürfen aber auch Martin Sefciuc und Franz Schiefer – beides Schauspieler, die in Kottingbrunn begonnen haben, Theaterluft zu schnuppern und ihre Berufung dadurch zum Beruf gemacht haben. In weiteren Rollen: Gabi Mattehs, Joshua Jagersberger, Katharina Brunner, Heinrich Schrott, Walburg Weissenböck, Michael Jahn, Maria Koisser, Franz Frünwald, Regina Brunner, Martin Hauer, Franz Zojer, Anna Hasenöhrl, Georg Kusztrich, Simone Fröhlich und Boris Popovic.
Und wie geht‘s aus? „Mit einem modernen Schluss, der trotz einem ins Absurde getriebenen Kitsch-Ende genug Raum für realistische Spekulationen offenlässt“, zeigt sich Lipgens bewusst kryptisch. „Den Sternenhimmel habe ich schon bestellt.“
Karten sind unter 02252/74383 oder office@kulturszene.at erhätlich.

N. Kranzl

Anselm Lipgens inszeniert „Schicksal mit Musik“ in Kottingbrunn
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