Ballett ist nicht nur Schwanensee

Körper und Licht - und plötzlich wird jedes Wort überflüssig. © R. Eipeldauer

Die schlechte Nachricht: Wenn Sie vergangenen Donnerstag nicht im Stadttheater waren, dann haben Sie etwas versäumt. Die gute Nachricht: Für Schnellentschlossene ist es noch nicht zu spät, denn am morgigen Freitag wird das Ballett der Bühne Baden noch einmal einen sensationellen Galabend tanzen. Anmutig, ausdrucksstark, schmerzhaft, teilweise humorvoll – und weit, weit entfernt von jedem Klischee.

Es ist schade, wenn man sich ein vorgefertigtes Bild von etwas zurechtbastelt, was man gar nicht kennt und sich so selbst der Chance beraubt, etwas Neues kennenzulernen: So hat es Michael Kropf, der Leiter des Balletts der Bühne Baden, formuliert.
Was er gemeinsam mit seinem Team für die neue Ballett-Gala auf die Beine gestellt hat, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Und wer sich die Chance, diesen Abend zu genießen, entgehen hat lassen, weil er beim Stichwort „Ballett“ nur an die Hintergrundtänzer in Operette und Oper denkt, der hat wirklich etwas versäumt.
Komplexe, moderne Tanzperformance, perfekter inszenatorischer Einsatz der Lichttechnik und schlichte Kostüme, die die Darbietungen der Tänzerinnen und Tänzer sinnlich unterstreichen: So beginnt der Abend zu Karel Jenkins‘ „Adiemus“.
Solotänze wie Daniela Sklenskys Darbietung zu Marta Sebestyéns „Szerelem-Szerelem“ oder Passagen mit nur einem Tanzpaar wie beim futuristischen „Feuervogel“ ergänzen die teilweise unglaublich komplexen Programmpunkte, bei denen die Badener Tänzer teilweise von der Vereinigung Europaballett St. Pölten unterstützt werden.
Kraftvoll, erotisch und in jeder Hinsicht fesselnd der „Tango Amore“ – besonders die beiden Protagonisten Patrícia Brandão Mourao und Jan Bezak, sanft und fast schon frühlingshaft leicht dagegen die St. Pöltner Performance zu „La Connessione“ in schwebendem Violett.
Wenn man an Sprech- oder Musiktheater gewöhnt ist – eine Aussage, die wahrscheinlich für die meisten zutrifft – ist es in jeder Hinsicht bewundernswert, wie es die Tänzer meistern, ohne ein einziges Wort Geschichten zu erzählen; so zum Beispiel bei „Frühlingsopfer“ zu einer Komposition Oliver Ostermanns. Archaisch anmutende Rituale, Kämpfe, Chaos – und doch ein Blick, eine Begegnung zwischen zwei Menschen, der keine Worte der Erklärung braucht.
Dass man auch Klassik tänzerisch interpretieren kann, stellt Michael Kropf mit seinem Team im zweiten Teil unter Beweis. Und wenn zu einem so bekannten Orgelwerk wie Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge in d-Moll unter dem augenzwinkernden Titel „Abgehobene Seelen“ getanzt wird, dann kann man fast nur mehr begeistert sein.
Und damit nicht genug: Yulia Potorochina und Radu Tamazlacaru bringen in ihrer Interpretation des Romeo & Julia-Themas sogar das Kunststück zustande, das Publikum an etlichen Stellen zum lauten Lachen zubringen. Denn was wäre gewesen, wenn die beiden keinen tragischen Tod gestorben, sondern in einer vor sich hin dümpelnden Ehe gelandet wären? Die Antwort darauf liefern die beiden jungen Tänzer zur Musik von Mozart – und zwar mit einer tänzerischen und schauspielerischen Perfektion, die das Publikum am ersten Vorstellungsabend zu Begeisterungsstürmen hinriss.
Ballett ist nicht nur „Nussknacker“ und „Schwanensee“. Gut, das weiß man. Aber Michael Kropf tut ein Übriges, um diese Aussage mit feinem Humor zu untermalen. „Oh, du mein lieber Schwan“ nennt er die Darbietung Jan Bezaks zu Camille Saint-Saëns „Der Schwan“ aus dem „Karneval der Tiere“ – übrigens traumhaft vorgetragen von Imre Csiszer am Cello. Falls Sie sich jetzt wundern: Ja, Jan Bezak tanzt den Schwan; aber er tut es nicht mit den Beinen…
Mit einem besonderen Zuckerl verabschieden sich die Tänzer, nämlich mit Maurice Ravels Bolero, gespielt ebenfalls vom Orchester der Bühne Baden unter Franz Josef Breznik; eine Abschlussnummer, die allen Beteiligten wirklich alles abverlangt.
Es ist ein ungewöhnlicher, virtuos getanzter und überraschend inszenierter Abend, den Michael Kropf gemeinsam mit den Tänzern hier zusammengestellt hat. „Dance for Dance“ wird noch einmal aufgeführt, und zwar am Freitag, 27. März um 19.30 Uhr im Stadttheater. Sich das entgehen zu lassen, wäre einfach nur schade.

N. Kranzl

Ballett ist nicht nur Schwanensee
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