Erster Protest gegen das Leobersdorfer Krematorium

So könnte das Krematorium ersten Plänen zufolge aussehen. © Atelier für naturnahes Bauen Deubner

LEOBERSDORF. – Ein privater Betreiber möchte in Leobersdorf Niederösterreichs zweites Krematorium errichten – die BZ berichtete. Jetzt formiert sich zunehmend Widerstand gegen das geplante Projekt: Besorgte Bürger machen mit einer Unterschriftenaktion mobil und fordern eine Volksbefragung.

„Da wird behauptet, dass angeblich enormer Bedarf für ein Krematorium in unserem Einzugsgebiet besteht, und, dass eine solche Einrichtung völlig unbedenklich für die Umgebung ist“, wundert sich Daniela Fradinger-Gobec, die eine Bürgerinitiative gegen das Leobersdorfer Krematorium ins Leben gerufen hat. „Dabei braucht man gar nicht lange nachzurecherchieren, um herauszufinden, dass nicht alles so bedenkenlos ist wie behauptet.“ Die Juristin hat nachgefragt – und zwar bei namhaften Stellen wie der Montanuniversität Leoben, bei Lufttechnikern und vor allem auch bei anderen Krematorien. Und ihr Resümee fällt alles andere als unbesorgt aus. „Tatsache ist, dass es ers-tens gar keinen unbedingten Bedarf nach einem zusätzlichen Krematorium gibt, wie so gern behauptet wird. Und, dass es zweitens sehr wohl Grund zur Sorge gibt, was die Schadstoffbelastung angeht – auch, wenn man versucht, uns zu beschwichtigen.“ Ein Krematoriumsofen, so haben Fradinger-Gobec‘ Recherchen ergeben, ist für die Verbrennung von 2.000 Leichen pro Jahr konzipiert. In St. Pölten, Niederösterreichs einzigem Krematorium, werden derzeit rund 1.350 Leichen pro Jahr verbrannt. „Hier gibt es also sehr wohl noch freie Kapazitäten“, meint die Juristin. „Dasselbe gilt auch für Wien.“ Vier Öfen gibt es aktuell im Krematorium in Simmering, und das bei einer jährlichen Auslastung von ca. 6.000 bis 6.500 Leichen. „Abgesehen davon, dass mit 1. März die Ausschreibung zur Errichtung eines fünften Ofens begonnen hat, damit jeweils ein Ofen gewartet werden kann“; so die Juristin. „Laut den Angaben des Krematoriumsbetreibers werden aus Niederösterreich und dem Burgenland, also dem Einzugsgebiet des geplanten Leobersdorfer Krematoriums, nur 500 bis 600 Leichen pro Jahr zur Verbrennung nach Wien gebracht. Da stellt sich natürlich schon die Frage, worum es in Leobersdorf tatsächlich gehen soll: Um die Schaffung von Kapazitäten oder um reine Geschäftemacherei.“

Schadstoffbelastung?
Noch mehr Kopfzerbrechen bereitet Daniela Fradinger-Gobec die Frage der Schadstoffbelastung. „Schwermetalle, durch Amalgamfüllungen auch Quecksilber, Dioxine und im Fall eines Herzschrittmachers sogar Plutonium: All das wird bei der Verbrennung eines menschlichen Körpers freigesetzt. Dazu kommen weitere Schadstoffe bei der Verbrennung von Menschen, die mit Chemotherapie behandelt worden sind“, zeigt sich die Juristin besorgt. „Quecksilber ist zehn Mal giftiger als Blei, das giftigste Schwermetall überhaupt. Ein bis zwei Gramm werden durch die Verbrennung einer einzigen Plombe freigesetzt. Und die Vergangenheit hat auch gezeigt, dass die Krematorien nicht immer mit den besten Filtern ausgestattet sind: 2005 hatten 7 von 10 Krematorien keine entsprechenden Filter für Quecksilber und mussten ihre Anlagen nachrüsten.“ In anderen Ländern gelten zum Teil sehr viel strengere Regeln, was in der unmittelbaren Umgebung von Krematorien erlaubt bzw. nicht erlaubt ist: So ist es etwa in der Schweiz laut einer Verordnung sogar verboten, im Umkreis von 500 Metern von einem Krematorium einen mobilen Obststand aufzustellen. „In Leobersdorf stehen keine 100 Meter vom angedachten Grundstück Einfamilienhäuser, und direkt dahinter befinden sich die Felder von Biobauern und Weingärten“, gibt Fradinger-Gobec zu bedenken. „Dass das Verbrennen von menschlichen Körpern keine so saubere und unbedenkliche Sache ist, wie uns die Gemeinde zu vermitteln versucht, kann man aber noch anhand von andere Zahlen belegen: Drei Kilo hochgiftiger Staub fallen an einem einzigen Betriebstag an. Stoffe, die nach Deutschland geliefert und dort in Beton gegossen und unter Tag endgelagert werden.“

“Störfälle gibt es immer wieder”
Auch eventuelle Störfälle wie der Brand des St. Pöltner Krematoriums im Jänner, so Fradinger-Gobec, müssten bei der Planung eines Krematoriums berücksichtigt werden. „Laut Angaben der Wiener Betreiber kommt es rund fünf Mal pro Jahr zu Störfällen – wobei natürlich fraglich ist, ob das die tatsächlichen oder die geschönten Zahlen sind“, so die Leobersdorferin. „Wenn es zu einem Störfall kommt, darf die laufende Verbrennung aber zum Schutz der Anlage nicht gestoppt werden. Stattdessen werden die Filterklappen geöffnet, und sämtliche Schadstoffe gelangen ungefiltert in die Luft. Tatsache ist ganz einfach, dass so eine Anlage niemals zu hundert Prozent sicher ist.“

“Wir wollen eine Volksbefragung”
Mittlerweile hat die Juristin und besorgte Mutter nicht nur eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen, sondern auch eine Unterschriftenaktion initiiert. Etwas mehr als 400 Unterschriften hat sie bereits gesammelt. „Und das, obwohl wir alle berufstätig sind und nur am Wochenende Zeit dafür hatten“, so Fradinger-Gobec. „Und es waren nur einige wenige, die das Projekt für unbedenklich halten. Der überwiegende Teil der Bevölkerung steht dem Krematorium mehr als kritisch gegenüber.“ Die Bürgerinitiative will nun durchsetzen, dass eine Volksbefragung über das Krematorium durchgeführt wird. „Es muss einfach eine objektive Diskussion darüber geführt werden“, stellt die Juristin klar. „Immerhin geht es um die Zukunft unserer Heimatgemeinde. Beschwichtigungen sind da garantiert fehl am Platz.“

N. Kranzl

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