Ein Badener „Bloomsday“ im Hause Brusatti

Bernhard Majcen, Julia Proksch-Schauer, Helmut Stippich und Otto Brusatti (v. li.).

Ein Ort zum Davonlaufen, ein Zufluchtsort, und trotz aller Wortgewalt doch Sprachlosigkeit: Otto Brusatti hat James Joyces Romanwerk „Ulysses“ aus dem Dublin der Jahrhundertwende ins heutige Baden übersetzt; samt Scheinpolitik, verschultem Schulsystem und alternder Operettendiva.

Achtzehn Stunden im Leben eines Mannes in Dublin am 16. Juni 1904, achtzehn Episoden, eine moderne Odyssee mit einem modernen Odysseus: Nicht umsonst ist James Joyces „Ulysses“ einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur – und der 16. Juni, der „Bloomsday“, der weltweit einzige Feiertag, der auf einen Roman zurückgeht.
Genau 110 Jahre später wurde die Geschichte rund um den „Held und Kindmann, der in den Mutterschoß zurückkehrt“, wie Otto Brusatti meint, in dessen Salon in der Mariengasse aufgeführt. Brusatti selbst moderiert, führt die Figuren nicht nur metaphorisch, sondern sogar physisch aus dem Raum und zum Publikum, scheut auch nicht davor zurück, sie zu provozieren, auszulachen, anzustacheln.
Musikalisch untermalt wird die Reise von Helmut Stippich, melancholisch, allwissend lächelnd, sanft distanziert, unmerklich ins Chanson abgleitend, dazwischen gnadenlos ans Wienerlied erinnernd, immer da, schon da gewesen.
Bernhard Majcen verkörpert den „Kindmann“ Leopold Bloom selbst, Julia Prock-Schauer seine Frau Molly, die im blütenweißen Kleid den weltberühmten Schlussmonolog spricht, bis das Licht ausgeht; und das tut es wieder nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich, so dass bei den letzten „Ja“-Sagern Mollys der Salon in Dunkelheit versinkt, allein, sprach- und fraglos, ungefragt.
Weil gerade am Bloomsday selbst Lesungen und Aufführungen des ihm zugrundeliegenden Werkes untersagt sind, adaptiert Otto Brusatti den Stoff. Und während am Orignialschauplatz Dublin die Joyce-Pilger alljährlich als Hommage an die Figuren des Romans Zitronenseife kaufen oder Gorgonzolabrote essen, verlagert Brusatti den Schauplatz: Aus Dublin wird Baden, aus einer Odyssee durch die irische Hauptstadt der Jahrhundertwende ein Irrweg durch eine Kurstadt „voll selbstgefälliger Schulen, teilweise in sich selbst verschult“, das Meer zu Weingärten, „auf der Jagd nach sich selbst, vergebens…“
Baden als Ort für die Traves-tie der Wirklichkeit, zwischen milder Sühne und Exhibitionismus, eine Hamlettragödie in der „schrecklichen Nostalgie einer Stadt“. Anstelle der Opernsängerin Molly hören wir von einer alternden Operettendiva, die um 11 Uhr vormittags noch im Bett die Briefe ihres Liebhabers, eines mittleren Badener Politikers, liest, Dessous und Pornos rund um sich verstreut. Abgestandenes, altmodisches Parfum aus einem verstaubten Flacon, großzügig vom inszenierenden Brusatti im Salon versprüht, veranschaulicht dieses Bild, ruft es stärker ins Bewusstsein als es auch noch so radikale Worte zustandebrächten.
Währenddessen liest Bloom die letzte SMS einer Frau, mit der er schon länger eine „dreckige Telefonaffäre führt“, Brusatti steuert altgriechische Zitate aus dem originalen Odysseus bei.
In Baden, „wo echte Männer noch Männer mimen“, „Pseudopolitisches die Tagesordnung beherrscht“, die Sommerarena zum „Bordell der Lust“, ein „dreckiger Weinkeller“ zum Ort der Zuflucht nach einem „ersterbenden Kurkonzert“ wird, bekommt der Begriff der Odyssee für und bei Brusatti eine ganz neu dimensionierte Bedeutung.
So plätschert die Nacht. Und wie sie plätschert.

N. Kranzl

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