„Jede zweite Pfarre bedroht“

KOTTINGBRUNN. –Geht es nach der Erzdiözese Wien, sollen 50 Prozent der Pfarren zusammen gelegt werden. In Kottingbrunn fürchtet man eine massive Verschlechterung für die Kirchengeher und hat sich mit bereits mit anderen Pfarren vernetzt.

„Gut, dass es deine Pfarre gibt“ – unter diesem, von der Erzdiözese Wien ausgerufenen Motto, verlief noch die letzte Wahl zum Pfarrgemeinderat.  Mit „Rette deine Pfarre“ ging man in Kottingbrunn noch einen Schritt weiter und hatte mit 944 Stimmen eine der höchsten Wahlbeteiligungen in der ganzen Region. Heute ist der damalige „Hilferuf“ nach der Rettung der Pfarre jedoch aktueller denn je. Grund ist eine geplante „Reform“ der Erzdiözese Wien, die unter dem Schlagwort „Pfarre Neu“ rennt, bei genauerem Betrachten jedoch eine reine Sparmaßnahme ist.

50 Prozent betroffen
„Die Diözese ist unter Druck geraten, weil ihr sowohl Priester, als auch das Geld ausgehen. 50 Prozent der Pfarren sind von den Plänen betroffen“, meint Gabriela Rosenkranz, Pfarrgemeinderätin in Kottingbrunn. „Am Anfang wurde ich noch als Querulant dargestellt, jetzt erkennen aber immer mehr, dass es ums Eingemachte geht“, erklärt Kottingbrunns Pfarrer Walter Reichel, der früh die Problematik der Pläne der Diözese erkannte. Denn geht es nach dieser, sollen mehrere Pfarren zu einer Großpfarre – „Pfarre Neu“ genannt -  zusammengeschlossen werden. Jede dieser Großpfarren, die über drei bis vier Priester verfügen soll, soll wiederum über mehrere kleinere „Filialkirchen“ verfügen.  Diese Filialkirchen haben jedoch „kein Recht auf Eucharistiefeier. Auch für die Sakramentenspendung ist  ebenso wie jetzt in erster Linie die Pfarrkirche und nicht die Filialkirche zuständig“, erklärt Stefan Adrigan, Pfarrgemeinderat in Kottingbrunn. Den Filialkirchen bleibt all das vorbehalten „wofür kein Priester erforderlich ist“, so Adrigan. Bis zum Jahr 2022 sollen die 659 Pfarren innerhalb der Erzdiözese Wien laut Auskunft des Generalvikars auf etwa 300 Pfarren zusammengelegt werden.

Messen nur noch in Baden?
In Wien existieren bereits  für den 10. und für den 15. Bezirk konkrete Pläne. Aus  ehemals sieben Pfarren in 1150 Wien werden zwei, aus 15 Pfarre in Wien Favoriten werden vier Pfarren. Auch der Bezirk Baden könnte massiv betroffen sein. „Wir brauchen am Wochenende drei Messen um alle Leute unterzubringen und hätten damit definitiv nicht die erforderliche Infrastruktur, um eine Großpfarre zu sein“, fürchtet Adrigan. Denkbar wäre, dass Baden diese Stellung einnehmen  und  mehrere Pfarren im Umkreis zu den kleinen „Filialen“ werden würden. Bereits jetzt gäbe es vom Dekanat den Auftrag zu prüfen, wo sich die einzelnen Pfarren jetzt schon gegenseitig unterstützen. Ein erster Schritt, um zu prüfen, wo man zusammenlegen kann, vermutet Adrigan.

Nur mehr ein Drittel Kirchengeher
„Pfarrerposten werden jetzt schon nicht mehr mit Pfarrern, sondern nur mehr mit Moderatoren nachbesetzt. Diese haben zwar die gleichen Pflichten, nicht aber die gleichen Rechte“, erklärt Reichel. Denn während man einen Pfarrer so gut wie nicht versetzen kann, ist das mit einem Moderator ein Leichtes.
Die Leidtragende der Reform wäre in jedem Fall die Pfarrgemeinde. Angefangen von nicht mehr so mobilen Menschen, die nicht so einfach nach zB Baden fahren können, um die Messe zu besuchen und einem Ende des persönlichen Kontakts sind auch Errungenschaften wie der Vinzi-Markt in Kottingbrunn bedroht. „Eine Generation lang würde es vielleicht gut gehen. Auf lange Sicht würde wohl nur mehr ein Drittel der Leute in die Kirche gehen“, fürchtet Reichel massive Auswirkungen, gesteht gleichzeitig ein, dass Vereinheitlichungen bei der Verwaltung zwar durchaus Sinn machen, „nicht aber beim Leben der Menschen“.
Kurios klingen die ersten Vorstellungen, was mit einem Teil der Filialkirchen passieren kann und reichen von Veräußerung bis hin zu Errichtung von Schlafstätten oder Urnenhainen. Kann man diese Pläne ernst nehmen? „Ich muss alles ernst nehmen, was von der Diözese kommt“, meint Reichel.

Vernetzung
„Wir merken, dass viele Leute besorgt sind und teilweise schon resignieren“, erklärt Rosenkranz. Denn inzwischen hat sich der Kottingbrunner Pfarrgemeinderat zwar mit acht weiteren aus der Region vernetzt, eine wirkliche Einspruchsmöglichkeit hat jedoch weder Pfarrgemeinderat noch Pfarrer oder Gläubige. Die Letztentscheidung liegt einzig und allein bei der Diözese. „Das einzige, das vielleicht hilft, sind Briefe an den Kardinal und den Unmut, auf diese Art zu artikulieren“, so Rosenkranz.     W.Gams

„Jede zweite Pfarre bedroht“
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3 Antworten zu „Jede zweite Pfarre bedroht“

  1. Wenn das wirklich so durchgeht, wie es sich die klerikale Obrigkeit vorstellt, müsste und wird wohl bald jeder katholische Christ in Österreich davon betroffen sein.

    In beider Hinsicht nämlich betroffen, dass es durch das bevorstehende regionale pfarrliche Unterangebot einer Umstrukturierung in der persönlichen Glaubenspraxis bedarf und auch im Innersten betroffen, dass auf diese Art Glaubensangebote wirtschaftlichen Interessen der Diözese weichen müssen.

    Die gewachsenen Strukturen und die Gemeinschaft werden verloren gehen, vielleicht entstehen aber virtuelle “Glaubensdörfer” in denen dann auch noch aus dem reichhaltigen freikirchlichen und fernöstlichen Glaubensangebot bekömmliche Elemente eingebaut werden. “Spritual patchworking” heißt die Devise!

    Ob das im Sinne von Jesus Christus ist, bliebe offen, aber unser Heiland ist ja bekanntlich leidensfähig. Oder würde er vielleicht doch fragen: Quo vadis, katholische (=allumfassende) Kirche?

    Schon mal was von Gürtel enger schnallen gehört? Aber nicht nur bei den Kleinen!

    Ist Administrationsabbau und personelle Reduzierung vielleicht nicht mehr erforderlicher oder unzeitgemäßer Instanzen ein Tabuthema?

    Traurig wird´s ausschauen, vielleicht nimmt man sich ja auch Beispiel an den Niederlanden, wo Gotteshäuser in Diskotheken umfunktioniert worden sind und – habe ich selbst gesehen – auf den Kopf gestellte Kruzifixe die Eingänge “zieren”…

    Spiritueller Crashdown aber die Kasse wird stimmen und das alleine zählt ja heutztage.

    • rudolf charwat sagt:

      Am jetzigen Beispiel der kath. Kirche wird ja beklagt, dass gespart werden muss, weil zuwenig Mittel zur Verfügung stehen. Abgesehen davon, glaube ich das nicht, die Kirche wäre reich genug, das jetzige System zumindest modifiziert weiterzuführen. Das neue System der Zusammenlegung von Pfarren, in dieser drastischen Form, kann keiner in den Auswirkungen und neu entstehender Probleme überblicken.

      Meine „spirituellen“ Bedenken gehen in jene Richtung, dass sich in der neuen Struktur mehr oder weniger egozentrische, unverstandene und (unkontrollierte) Gruppen und Grüppchen bilden können, die Richtung „Sektierertum“ tendieren.

      Jedenfalls stellt diese neue Entwicklung für die Kirche eine massive Zäsur ihrer bisherigen Daseinsform dar, deren Auswirkungen sehr schwer zu definieren sind, weil es Menschen und Aktive der Kirche betrifft. Ob das von allen Beteiligten angenommen wird und wie, das wird dann die Praxis zeigen.

  2. rudolf charwat sagt:

    Mit Interesse habe ich die Neuorientierung der Erzdiözese Wien gelesen… Doch muss ich sagen, dass mir bem Lesen immer unwohler wurde….
    Ich finde dass bereits jetzt gerade in der katholische Kirche und den Pfarren wenig echte Gemeinschaft gelebt wird. je großräumiger die neuen Pfarren werden., desto weniger Kontake zwischen den Gläubigen…
    Auch meine ich dass jenen Pfarren die eine gewisse Gemeinsamkeit haben und einen wunderbaren Pfarrer, der seine Berufung ernst nimmt und der Pfarre ein richtiger Vater ist, bestimmt großen Schaden und den Gläubigen großes Leid zugefügt wird, wird diese Pfarre im Zuge der Neuorientierung quasi abgeschafft und der geistige Vater weggenommen… Ist es nicht in der heutige Zeit oft schwer genug den Glauben zu leben, wenn der weltliche Wind in die entgegengestzte Richtung weht? Steht nicht ein Christ der seinen Glauben wirklich ernst nimmt sowie sehr einsam und alleine da… Will man Ihm dann seinen letzte Halt , seine letzte Geborgenheit in der Kirche nehmen????

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